Bat Nha ist nicht verloren – Bat Nha ist zu Regen geworden.
Ein Bericht.
Hannelore Burger, Wien
Am 18. Dezember des vergangenen Jahres haben Bruder Trung Hai und Schwester Giac Nghiem, als Vertreter des im zentralvietnamesischen Hochland gelegenen buddhistischen Klosters Bat Nha, im Elysée Palast in Paris einen Brief an den Präsidenten der französischen Republik Nicolas Sarkozy übermittelt, in welchem sie für 400 Mönche und Nonnen um zeitlich begrenztes Asyl in Frankreich ansuchen, damit, wie es in dem Schreiben heißt, sie als Gemeinschaft praktizieren können, „so lange, bis Vietnam sein Herz öffnet und dieses der Bat Nha-Sangha in ihrem eigenen Land gestattet“.
Es ist dies das vorläufige Ende eines strahlenden religiösen und spirituellen Neubeginns, der sich vier Jahre zuvor mit der Rückkehr Thich Nhat Hanhs, des weltbekannten Zen-Meisters, Autors und Friedensaktivisten, in sein Heimatland Vietnam ereignet hatte. Nach fast 40jährigem Exil hatte die kommunistische Regierung ihrem berühmten Sohn im Frühjahr 2005 nicht nur eine dreimonatige Lehrreise gestattet, sondern auch erlaubt – innerhalb einer schon bestehenden Anlage und mit Unterstützung des dortigen Abtes – eine Klostergemeinschaft seiner Tradition zu begründen. Auf dem der „Plum Village“-Gemeinschaft gestifteten Grund wurde alsbald mit erheblichen Investitionen der Ordensgemeinschaft eine moderne Meditationshalle sowie Wohnstätten für Mönche und Nonnen errichtet.
Auf die vietnamesische Jugend übte Bat Nha von Anfang an eine hohe Faszination aus, hatte doch für diese der staatlich kontrollierte Buddhismus, der in den Klöstern des Landes eher dahindämmerte als lebte, jede Anziehungskraft verloren. Bat Nha war anders. In Bat Nha wurde ein moderner, lebendiger Buddhismus praktiziert und eine buddhistische Ethik vermittelt, die auf die Lebensprobleme im heutigen Vietnam (Korruption, Zerfall der traditionellen Familienstrukturen, Umweltzerstörung, Kriminalität, Drogen, Gewalt) antwortete. Die vietnamesische Regierung war es zufrieden, hatte sie doch mit der Einladung Thich Nhat Hanhs mehr erreicht als erhofft. Die USA strich Vietnam von der Liste jener Staaten, die das Menschenrecht auf Religionsfreiheit verletzten. Das wiederum hatte den Weg frei gemacht für die ersehnte Aufnahme des Landes in die WTO, die Welthandelsorganisation. Verstärktes Wirtschaftswachstum und bedeutende ausländische Investitionen waren die Folge.
Das junge Kloster gedieh. Binnen weniger Jahre ließen sich fast 400 junge Menschen in Bat Nha zu Mönchen und Nonnen in der Tradition von Plum Village ordinieren, nicht wenige davon mit Universitätsabschluss. Aus den großen Städten Saigon (Ho Chi Minh-Stadt), Da Nang, Nha Trang und Hanoi strömten Tausende, vor allem junge und gebildete Menschen zu den monatlichen „Achtsamkeitstagen“ oder nahmen an Retreats teil. Zu besonderem Ruhm gelangte das für seine Naturschönheit, insbesondere seine zauberhaften Wasserfälle und Wälder bekannte Kloster, als Bat Nha in einer populären vietnamesischen Fernsehserie als ein modernes spirituelles Heiligtum gezeigt wurde.
Dass die große Beliebtheit Bat Nhas bald das Misstrauen der Regierung – der alle größeren Menschenansammlungen ein Ärgernis sind – erregen würde, war abzusehen. Darüber hinaus ist zu vermuten, dass die Zerschlagung Bat Nhas in Zusammenhang steht mit jenen Vorschlägen, die Thich Nhat Hanh im Frühjahr 2007, anlässlich seiner zweiten Reise nach Vietnam, während eines Gesprächs mit dem Präsidenten Nguyen Minh Triet – dieser hatte ihn freundlich zum Tee eingeladen – unterbreitet hatte: die vollständige Trennung von Staat und Religion, die Abschaffung der Überwachung aller religiösen Aktivitäten durch die Regierung und, vor allem, die Auflösung der Religionspolizei und des Ministeriums für religiöse Angelegenheiten (erst später wurden diese Vorschläge in einem 10-Punkte-Programm öffentlich gemacht). Mehr aber noch dürfte es Thich Nhat Hanhs nachdrückliches Eintreten für den Dalai Lama und die Sache Tibets im Frühjahr 2008, während eines Retreats in Rom, gewesen sein, welches die Reaktion der vietnamesischen Regierung herausgefordert hat.
Zwar reiste Thich Nhat Hanh im Mai 2008 noch ein drittes Mal nach Vietnam – unter anderem um mit der Plum Village-Sangha an einer in Hanoi stattfindenden UNESCO Vesak Konferenz teilzunehmen – auch hier hochgeehrt von Regierungsvertretern und Vertretern der offiziellen Buddhistischen Kirche Vietnams – , doch der Terror gegen Bat Nha begann bereits wenige Monate später, im August 2008, mit einem Dokument der Zentralregierung, in welchem die Aktivitäten der Gemeinschaft als „Bedrohung für die nationale Sicherheit“ bezeichnet und der Aufenthalt der in der Plum Village-Tradition praktizierenden Mönche und Nonnen für illegal erklärt wurde. Vergeblich versuchen die verzweifelten Brüder und Schwestern ihren legitimen Anspruch, in Bhat Nha praktizieren und leben zu können, mit den entsprechenden Dokumenten zu belegen (alle waren vietnamesische Staatsbürger, hatten gültige Aufenthaltserlaubnisse). Im Oktober 2008 schaltet sich das „Büro für Religiöse Angelegenheiten“ ein (eben jene Behörde, die nach den Vorschlägen Thich Nhat Hanhs hätte abgeschafft werden sollen). Laienpraktizierende und Familienangehörige werden bedroht, mehrere Ultimaten gestellt. Im Juni 2009 werden Wasser und Elektrizität abgestellt, die Telefonleitungen gekappt. Inzwischen aber verlangt auch der Abt von Bat Nha, Thich Duc Nghi, der anfangs die Thich Nhat Hanh-Anhänger unterstützt und sogar selbst die Lehrbefugnis in der Plum Village-Tradition erworben hatte – offenbar unter extremem Druck stehend – ebenfalls deren Ausweisung. Ein lokaler Mob wird geheuert – arme Leute aus der Gegend, denen man ein paar Dongs sowie Lebensmittel zusteckt -, der die Mönche und Nonnen Bat Nhas mit Lärm, Lautsprechern, mutwilligen Zerstörungen und körperlichen Angriffen (bis hin zu sexuellen Belästigungen) bis zu ihrer endgültigen Vertreibung terrorisieren sollte.
Am Morgen des 27. September 2009 drang eine wütende, mit Stöcken und Hämmern bewaffnete Menge von etwa 150 Personen – von Polizisten in Zivil tatkräftig unterstützt – in das in der Provinz Lam Dong gelegene Kloster ein, schlug Fenster und Türen ein, zerstörte und zerstreute die Einrichtung und alle persönliche Habe der Mönche und Nonnen. Um Hilfe angesuchte Regierungsbeamte sowie die örtliche Polizei weigerten sich einzugreifen. Ein alter Mann, der frühere Journalist Nguyen Dac Xuan – ein jahrzehntelanges Mitglied der kommunistischen Partei -, der am Todestag seiner Mutter deren Grab auf einem Friedhof nahe Bat Nha hatte besuchen wollen, wurde Augenzeuge der Geschehens: „Ich hörte Schreie und Tumult hinter mir. Der Mob hatte sich seinen Weg in das „Fragrant Forest Hamlet“ gebahnt, um die Mönche zu attackieren. … Als ich mich umdrehte sah ich, dass alle Mönche – die Hände zusammengelegt – unbeweglich in der Lotusposition verharrten und den Namen des Bodhisattva Avalokiteshvara anriefen – auch dann noch, als sie die Leute schlugen, traten und wegzerrten.“
„Wann immer sie einen Mönch sahen“, beschreibt eine junge Nonne später die Szene, „zogen sie an seiner Kleidung und schlugen ihn. Als wir versuchten, unsere Brüder zu schützen, erlitten wir das gleiche Schicksal: Sie stießen uns nieder; die Frauen benutzten Schirme und Stöcke. Manche schlugen uns ins Gesicht.“ Niemand wehrte sich. Doch als am Nachmittag schließlich alle 379 Mönchen und Nonnen aus den schützenden Klostermauern vertrieben worden waren, erschien es ihr, wie sie schreibt, „überaus schmerzlich, unsere beiden ältesten Brüder, Phap Hoi und Phap Sy, nicht vor der Gewalttätigkeit der Polizei schützen zu können. Mit tiefem Schmerz konnten wir nur beobachten, wie sie sie wegschleppten. Sie versuchten uns zu verscheuchen, doch wir blieben im Regen still und eng beieinander stehen“. Ohne Anklage wurden die beiden Mönche in Polizeigewahrsam genommen, später unter Hausarrest gestellt.
Die übrigen Mönche – sie leistete lediglich passiven Widerstand – wurden wie Bündel auf Lastwagen geworfen und später auf der Strasse hinausgestoßen. Bei sintflutartigem Regen (am Vortag war ein Taifun der Stärke 9 über Vietnam hinweggegangen) zwang man sie unter Stößen und Schlägen zu stundenlangen Märschen. Später bewegte sich der Mob in Richtung der Quartiere der Nonnen. Türen wurden eingeschlagen und alle 230 Nonnen und Nonnen-Aspirantinnen – die Mehrheit junge Mädchen und Frauen zwischen 15 und 25 Jahren – in ein leerstehendes Gebäude getrieben. Eine Nacht verbrachten sie in Kälte, Angst und Ungewissheit.
Als sie am nächsten Morgen mit Bussen zu dem etwa 17 km entfernten Phuoc Hue Tempel gefahren wurden, dessen Abt sich bereit erklärt hatte, die Vertriebenen vorübergehend aufzunehmen, stimmten die Schwestern das Bat Nha-Lied an: „Hier ist unser geliebtes Bat Nha, dem wir einst in unseren Herzen das große Gelöbnis gegeben hatten, zusammen zu leben und das Reine Land zu bauen….“. „Wir waren bereit“, schreibt die junge Schwester, „alles zu erdulden: Armut, Schmerz und Leid, wenn wir nur Zusammenbleiben würden“.
Der Schock über die endgültige Zerschlagung Bat Nhas war groß. Thich Nhat Hanh weilte zu dieser Zeit in der amerikanischen Plum Village-Niederlassung Blue Cliff Monastery im Staate New York, der letzten Station seiner dreimonatigen US-Tour. Vierzehn Tage hatte sie der 83jährige wegen einer wieder ausgebrochenen alten Lungeninfektion, die in einem amerikanischen Spital erfolgreich hatte behandelt werden können, unterbrechen müssen. Schmal und zerbrechlich erscheint seine Gestalt im Gegenlicht vor den Fenstern der Meditationshalle. Hinter ihm nebelverhangener sich eben verfärbender Laubwald. Leise, beinahe unhörbar kommen die Worte des Meisters: „Bat Nha existiert nicht mehr. Sie haben alles zerstört.“ Doch kaum einer der Zuhörer und Zuhörerinnen des morgendlichen Dharma-Vortrags begreift die ganze Tragweite des Gehörten. Nur wenige sind über das seit Monaten andauernde Geschehen in dem fernen Kloster informiert.
Vor allem Sister Chan Gong, seiner unermüdlichen Helferin und spirituellen Gefährtin, ist es zu verdanken, dass der erste Schock überwunden, Solidaritätsadressen formuliert, Hilfsmaßnahmen organisiert sowie Petitionen an die vietnamesische Regierung und Aufrufe an internationale Menschenrechtsorganisationen verfasst wurden. Und wohl auch, dass am Nachmittag des 10. Oktober in New York eine etwa zweitausendköpfige Schar von Anhängern und Anhängerinnen mit einer Gehmeditation schweigend ihr Mitgefühl mit den jungen Mönchen und Nonnen im fernen Vietnam bekundete – eine Form des Protestes, die sich in diesen Tagen auch in vielen europäischen Metropolen, in Paris, London, Berlin, ereignete.
„Wieder einmal ist in Vietnam eine friedliche religiöse Gruppe unter Druck gekommen – auch wenn diese ursprünglich durch die Regierung willkommen geheißen wurde“, sagt die Asienberichterstatterin Elaine Pearson in einem „Human Right Watch“- Report vom 18. Oktober. Neben den internationalen Protesten mehren sich jedoch auch in der Bevölkerung Vietnams selbst Stimmen, die das Verhalten der eigenen Regierung nicht billigen. Von den 400 Menschen – darunter renommierte Wissenschaftler, Literaten und Künstler – , die einen von dem bekannten vietnamesischen Dichter Hoang Hung verfassten offenen Brief unterzeichneten, waren viele, die noch nie in ihrem Leben öffentlich Kritik an einer Maßnahme der Regierung geäußert hatten. Die Ereignisse um Bat Nha, schrieben sie am 5. Oktober, hätten eine „ernste Situation geschaffen, welche das Land innerlich wie äußerlich bedroht“. Die Unterzeichneten fordern die Regierung auf, „alles zu tun, die Angriffe auf Bat Nha zu untersuchen und das Wohlergehen der jungen Mönche und Nonnen sicherzustellen“. Es scheint, als hätten die schmerzhaften Erfahrungen von Bat Nha so etwas wie eine Zivilgesellschaft in Vietnam begründet.
Die vietnamesische Regierung zeigte sich dann auch durchaus getroffen. Leugnete jedoch in einer eilig einberufenen Pressekonferenz mit der gewaltsamen Vertreibung der Mönche und Nonnen aus Bat Nha irgendetwas zu tun zu haben. Die Vorgänge seien vielmehr auf einen internen Konflikt zwischen zwei rivalisierenden buddhistischen Gruppen (den Anhängern des Abtes von Bat Nha, Thich Duc Nghi und den Anhängern Thich Nhat Hanhs) zurückzuführen. In einer Verlautbarung des vietnamesischen Botschafters in den USA heißt es, dass die lokalen Autoritäten alles getan hätten, Gesetz und Ordnung aufrechtzuerhalten und Zusammenstöße zwischen den beiden Gruppen zu vermeiden, um die Sicherheit, das Leben und das Eigentum ihrer Staatsbürger zu garantieren (Website der Vietnamesischen Botschaft, vom 8. Oktober 2008).
Thich Nhat Hanh versuchte in einem Brief aus dem fernen Amerika seinen „Bat Nha-Kindern“ Mut zuzusprechen. Er pries darin deren Weg der Gewaltlosigkeit und des Nicht-Hasses, der in den Herzen der Menschen Hoffnung auf einen künftigen Humanismus geweckt habe: „Die höchsten buddhistischen Würdenträger haben ihre Stimme erhoben. Buddhistische Novizen haben ihre Stimme erhoben. Studenten haben ihre Stimme erhoben. Schüler und Intellektuelle haben ihre Stimme erhoben. Freunde anderer Religionsgemeinschaften haben ihre Stimme erhoben. Die Welt hat ihre Stimme erhoben.“ – ruft er ihnen zu.
Doch alle nationalen und internationalen Proteste fruchten nichts. Der Wunsch der jungen Nonne, alles geduldig ertragen zu wollen, wenn sie nur weiterhin zusammen leben und praktizieren dürften, erfüllt sich nicht. Mit den gleichen Methoden wie in Bat Nha werden die Flüchtlinge auch in dem viel zu kleinen Phuoc Hue-Tempel terrorisiert. Auch hier sind sie einem „orchestrierten Mob“ ausgesetzt, auch hier wird massiver Druck auf den Abt ausgeübt, die Anhänger der Plum Village-Tradition nicht länger zu unterstützten. Dieser weicht am Ende der Gewalt und unterschrieb das Ausweisungsdekret. Am 9. November verkünden die lokalen Autoritäten von Bao Loc per Lautsprecher die Illegalität des Aufenthalts und der Praxis der jungen Mönche und Nonnen, die in der kleinen Phuoc Hue Pagode Zuflucht genommen hatten. Ein Ultimatum wird gesetzt, bis zu welchem sie den Tempel zu verlassen hätten: der 31. Dezember 2009.
Dem Druck weichend verlassen in den letzten Dezembertagen des Jahres 2009 die Bat Nha-Flüchtlinge Phuoc Hue, ihre letzte gemeinsame Heimstatt, reisen in kleinen Gruppen, ohne die Möglichkeit sich irgendwo gemeinsam niederzulassen. Manche gehen zu ihren Familien zurück, andere versuchen, für eine kurze Zeit an einem Ort zusammenzubleiben. „Wenn wir mehr als eine Woche bleiben, fragen uns die Autoritäten nach unseren Papieren. So müssen wir uns dauernd von einem Ort zum anderen bewegen“, beschreibt eine Nonne in einem Telefoninterview die Situation der zerstreuten Gemeinschaft.
In einer neuerlichen Pressekonferenz vom 11. Jänner 2010 – die New York Times berichtet am selben Tag ausführlich darüber – bekräftigt die vietnamesische Regierung ihre Version einer internen Auseinandersetzung zweier buddhistischer Gruppierungen und leugnet abermals, in die Vertreibung der Anhänger Thich Nhat Nanhs aus Bat Nha und Phuoc Hue involviert gewesen zu sein. Thich Nhat Hanh weist in einem weiteren Brief – datiert „die letzten Tage des Jahres 2009“- diese von der vietnamesischen Regierung wiederholt vorgetragene Version der Geschehnisse zurück. Es seien vielmehr Banditen geheuert worden, die sich als Buddhisten hätten ausgeben sollen, um die Mönche und Nonnen anzugreifen und zu beleidigen, in der Hoffnung, dass diese mit Gewalt antworten würden, um damit eine Handhabe zu haben, sie zu verhaften und zu verurteilen. Doch Dank deren Haltung der absoluten Gewaltlosigkeit sei die Strategie der Regierung völlig fehlgeschlagen. Und mit bitterer Ironie fragt Thich Nhat Hanh: „Welcher Buddhist würde Mönche und Nonnen angreifen und schlagen, im Tempel Schuhe tragen, es wagen Spruchbanner auf dem Altar zu platzieren? Welcher Buddhist würde Mönche „Genossen“ nennen und ihnen sagen, sie sollen zu ihren Vätern, Müttern und Frauen zurückgehen?“
In dem auch der Associated Press vorliegenden Brief zeigt sich Thich Nhat Hanh von „seiner“ Regierung, die ihm wenige Jahre zuvor einen so freundlichen Empfang bereitet hatte, tief enttäuscht. „Ich hätte mir niemals träumen lassen, dass Vertreter einer nationalen Regierung sich derartig unmoralisch verhalten könnten“, schreibt er darin. Und für einen Zen-Meister geradezu ungebührlich zornig setzt er fort: „Wo kommt das Geld her, mit dem diese Kriminellen angeheuert worden sind? Kommt es von den Steuern, die das Volk zahlt…? Wie können sie es wagen, den Namen von Buddhisten zu gebrauchen, um wirkliche Buddhisten zu beleidigen und zu zerstören?“.
Vorwürfe, er habe durch seine politischen Forderungen leichtfertig die Existenz des Klosters sowie die Sicherheit der jungen Mönche und Nonnen aufs Spiel gesetzt, weist Thich Nhat Hanh zurück. Die zehn Punkte, die er der vietnamesischen Regierung vorgeschlagen habe – die Trennung von Religion und Politik usw. – stammten ursprünglich nicht von ihm selbst, sondern seien von hohen Würdenträgern der Buddhistischen Kirche Vietnams erhoben worden. „Ich hörte diesen ehrwürdigen Mönchen genau zu und nahm mir ihre Ansichten und Erwartungen zu Herzen. Diese Würdenträger waren nicht in der Lage zu sprechen, so sprach ich für sie.“ Er sei in Schwierigkeiten gekommen, weil er es – aus dem Geist der Brüderlichkeit – gewagt habe zu sprechen. In ähnlicher Weise habe er über die Situation in Tibet gesprochen. „Wir sind eine Nation, die so viele Male unter Invasionen aus dem Norden zu leiden hatte. Und nun, da eine andere Nation in dieselbe Situation gekommen ist, wie könnten wir da nicht sprechen?“
Thich Nhat Hanh sieht die Situation insgesamt nicht pessimistisch. Die Aufdeckung der ganzen Wahrheit werde das Land verändern. Bisher habe es in Vietnam keine wahre Religionsfreiheit gegeben. Die Regierung kontrolliere fest die Maschinerie der Buddhistischen (Staats)Kirche und diese Kirche sei hilflos und unfähig ihre eigenen Kinder zu schützen. Die jungen Menschen innerhalb und außerhalb Vietnams würden beginnen die Wahrheit zu sehen (…). Sie würden erkennen „dass wir mehr Demokratie, mehr Menschenrechte, mehr Bürgerrechte brauchen, so, dass unser Volk eine Chance hat, zum Wohlstand unseres Landes beizutragen“. Sich auf Mahatma Gandhis berühmten Ausspruch: „Passive Resistenz, das ist die Kraft der Seele, sie ist unvergleichlich. Sie ist jeder Armee überlegen.“ berufend, verweist er seine Anhänger strikt auf den Weg der Gewaltlosigkeit und des Nicht-Hasses. Ihr Weg habe viele buddhistisch Praktizierende auf der ganzen Welt tief berührt. Sie würden die Kinder von Bat Nha nicht allein lassen, sondern mit ihnen gehen „wie ein Fluss“.
Die achtzehnjährige Nonne Don Nghiem sandte ein Gedicht an Thich Nhat Hanh, das der Meister allen Praktizierenden als Gatha zur tiefen Einsicht empfiehlt: Bat Nha hatte für die junge Nonne Monate und Jahre des Glücks bedeutet, weil es der Ort gewesen war, wo sie ihre Ideale der Brüderlichkeit und Schwesterlichkeit hatte leben können. Während der Tage der Angriffe und der Zerstörung sei es, so sagt sie in ihrem Gedicht, zu einem Strom der Tränen geworden. „Bat Nha wurde zu einer Legende. Aber Bat Nha ist nicht verloren; es ist zu Regen geworden.“
Der Bat Nha-Regen, setzt Thich Nhat Hanh die Gedanken der jungen Nonne fort, ist zur Erde gefallen und ließ den Samen des Erwachens keimen. Diamat-Samen, die niemand zerstören kann. Bat Nha werde in anderen Formen wiedergeboren werden, weil seine Samen überall präsent sind.
Dr. Hannelore Burger ,Historikerin, Laienpraktizierende in der Tradition Thich Nhat Hanhs, (Leuchtender Weg des Herzens), und Teilnehmerin an der dritten Vietnamreise des Meisters im Mai 2008 sowie des Retreats in Blue Cliff Monastery, N.Y., im Oktober 2009).
Wien, im Februar 2010
Quellen:
Associated Press, 15. Oktober 2009.
Human Rights Watch-Report: Harsh Crackdown on Followers of Buddhist Peace Activist Thich Nhat Hanh, 18.10.2009.
Nguyen Dac Xuan, Violent Acts in Bat Nha Monastery, 8.10.2009.
The Wall Street Journal, 29.10.2009.
The New York Times, 11.Januar 2010,
alle publiziert auf der Internet-Platform: helpbatnha.org
Diamond Body, Brief Thich Nhat Hanhs an seine “Bat Nha-Kinder”, 7.10.2009.
The Indestructible Seed of Awakening. Brief Thich Nhat Hanhs, datiert: die letzten Tage im Dezember (2009), beide publiziert auf der website: plumvillage.org.
Übersetzung der Zitate aus dem Englischen: Hannelore Burger
Hintergrundinformationen zu den Reisen Thich Nhat Hanhs nach Vietnam in den Jahren 2005-2008 gibt:
John Chapman, The 2005 Pilgrimage and Return to Vietnam of Exiled Zen Master Thich Nhat Hanh, in: Philip Taylor (Ed.), Modernity and Re-enchantment Religion in post-revolutionary Vietnam. Singapore 2007, S. 296-341.